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mental space #13

mental space gallery, Essen (DE) 20.05.2016 - 11.06.2016

 

Matthias Neuenhofer _turbulenz

Turbulenzen bezeichnen chaotische Bewegungen, die eine starke Wirkung entfalten können. Es handelt sich um eine Form der räumlich-zeitlichen Unordnung, die in der Natur weit verbreitet ist. Aufgrund ihrer Unregelmäßigkeit aber haben sich Turbulenzen lange der wissenschaftlichen Beschreibung entzogen. Sie verlaufen so zufällig, dass sie immer wieder singuläre Formen generieren. Dieser Umstand macht sie auch für die Kunst interessant. Denn Turbulenzen sind Störungen der bestehenden Ordnung, die ein produktives Eigenleben entwickeln.

Matthias Neuenhofer erforscht seit vielen Jahren das ästhetische Potenzial von Feedbackschleifen mittels Video. In der Tradition der abstrakten Videokunst nutzt er Feedbackprozesse, um die Grundlagen und Bedingungen des technischen Bildes auszuloten. Seine frühen Arbeiten verzichten auf die Kamera und konzentrieren sich auf die reine Abstraktion im Sinne einer Selbstreflexion des Mediums. Doch hat sich Neuenhofers Arbeitsweise seither erheblich verändert und erweitert. So bezieht er mittlerweile auch verfremdete Kameraaufnahmen mit ein, um verschiedene Computeralgorithmen auf sie anzuwenden, so dass komplexe generative Kompositionen entstehen.

Im Ausstellungsraum der mental space gallery zeigt Neuenhofer eine neue großformatige Videoinstallation, die eine solche generative Komposition in Echtzeit zur Aufführung bringt. Die Bilder der raumgreifenden Projektion sind schwarzweiß und zeigen eine Konstellation von drei Figuren vor einem amorphen Bildrauschen. Die leuchtend weiße organische Form in der Mitte wirkt wie ausgestanzt, während rechts und links zwei offene Kuben zu sehen sind, in denen ornamentale Mäanderformen fließen. Dazu wird der Raum von einem akustischen Rauschen ausgefüllt, von dem ein leises Knistern abhebt. Mit der Zeit wächst sich das Knistern zu einem pfeifenden oder metallisch tönenden Klanggebilde aus. Das Wuchern des Klangmaterials wird an einem gewissen Punkt plötzlich unterbrochen, es fällt eine neue weiße Form in das Bildfeld und der audiovisuelle Wucherungsprozess beginnt von Neuem. Im System ereignen sich also Störungen, die sich auswachsen zu immer stärkeren Turbulenzen bis dieser Prozess von außen unterbrochen und zurück auf Anfang gesetzt wird.

Die Videoinstallation bewegt sich an der Grenze zur Klangkunst. Sie ist eine Hommage an den japanischen Avantgardemusiker und Fluxuskünstler Takehisa Kosugi, der in einer Performance ein Blatt Papier um das Mikrofon wickelte, um Klang als ein komplexes Zusammenspiel von Bewegung, Materialität und technischem Equipment aufzuführen. Für die Performance legte der Künstler zwar die Ausstattung und den Ablauf fest, doch war das tatsächliche Ereignis nicht exakt vorhersagbar. Neuenhofer greift die Elemente und die Idee der Performance auf, um sie in eine technische Klanglandschaft zu verwandeln. Nicht mehr die provokative Geste steht im Mittelpunkt, sondern das Ereignis in seiner akustischen und visuellen Qualität.

Zusätzlich wird in der Ausstellung die Videoarbeit Kuhstall von 2007 gezeigt, die als Monitorarbeit konzipiert ist. Ähnlich wie in der Installation verändern sich die Bilder eines treppensteigenden Mannes durch die Anwendung von Algorithmen, so dass eine komplexe, sich selbst reorganisierende Bildcollage entsteht. Um die generative Entstehung der Arbeiten in Echtzeit zu betonen, spricht Neuenhofer selbst von „Video-Organismen“. Der Begriff spielt auf die Schaffung künstlicher Kreaturen an, die einzelne Eigenschaften natürlicher Organismen simulieren. Matthias Neuenhofer lebt und arbeitet in Köln. Seine Installationen und Performance waren unter anderem zu sehen am Bangkok Art and Culture Centre (2014), in der Kunsthallen Nikolaj Kopenhagen (2012), in der Gallery 175 Seoul (2011) und an der University of California Santa Barbara (2010). Durch seine langjährige Lehrtätigkeit an der Kunstakademie Düsseldorf (seit 2010) und an der Kunsthochschule für Medien Köln (2001-2008) hat er jüngere Entwicklungen der digitalen Videokunst entscheidend geprägt und beeinflusst.

Stefanie Stallschus

 

   
 

 

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